Geniale Dilletanten

Ja, Dada ist jetzt 101, wir machen am 20.2. 2017 18:00 Uhr auf LOHRO die Geburtstagssendung. Ohne Legastheniker zu sein, sondern aus Traditionsbewußtsein. Also wer schmunzelnd oder naserümpfend die „Dilletanten“ als unmögliche Verwandschaft abwertet, kennt die Musik der 80er Jahre nicht. Jedenfals nicht die der Randbereiche. Die enttäuscht vom verlorenen Schwung der 68er und genervt von den endlosen Gitarrensolos der Rockmusik, in den 80er wieder den Dada entdeckten: sie setzte das Kantige gegen das Erschlaffte, das Urbane gegen das Ländliche, das Intensive des gelebten Moments gegen die Mühsal langwieriger Märsche durch Institutionen. Sie machten Musik um ihrer selbst willen aus, also aus Interesse, Vergnügen oder Leidenschaft. Sie nannten sich Palais Schaumburg, Die tödliche Doris oder Freiwillige Selbstkontrolle, waren oftmals vorher bildende Künstler, bevor sie dadaistische Texte auf wilde Musik und Lärmergüsse setzten. Genau diese holen wir noch einmal in den öffentlichen Äther, wissend, das dieser Frust über erstarrte Verhältnisse auch ins 101. Jahr von Dada passt. Und wir bewundern den Aufwand, der damals für Effekte betrieben wird, die inzwischen jeder Fünftklässler per Mausklick erzeugt. Deshalb ist auch Nora Grominger in der Sendung zu hören – bezeichnenderweise mit dem Jandl-Text „Perfektion“. Wer zuhört, kriegt das am Ende alles auch auf die Reihe – aber das ist kein Versprechen.

Neo Dada, genannt Fluxus

»Das Klavier ist ein Tabu. Es muss zerstört werden«, forderte Nam June Paik Anfang der 1960er Jahre. Und tatsächlich ist die gewaltsame Behandlung des Instruments, das wie kein anderes für die Tradition bürgerlicher Musikkultur steht, besonders tief im kollektiven Gedächtnis verhaftet; daran denkt der feinsinnige Musikliebhaber zuerst und mit großer Sorge, wenn der Begriff »Fluxus« fällt. Aber keine Sorge – wir beginnen mit dem Begriff des „Neo-Dada“, der erst wenig später  „Fluxus“ wurde. Was für das Radio eine Herausforderung ist, denn Fluxus war ganz viel Installation und Happening. Obwohl der entstehende Sound nicht unwesentlich für das  Resultat der verschiedenen Fluxus-Aktivitäten war, so integriert Fluxus jedoch Video, Musik, Licht, Geräusche, Bewegung, Handlungen und diverse Materialien. Das soll uns aber nicht abschrecken, wir lieben den Stockhausen und Cage Schüler Nam June Paik schon wegen seines auf dem Happening 18965 in Wuppertal geäußerten Satz: „Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert, jetzt schlagen wir zurück“. Denn viele der Fluxus Künstler kamen aus der Musik: Charlotte Moorman und Yoko Ono sind nur zwei Namen, die eigentlich zur Musik gehören und doch bedeutende Fluxus-Künstler waren. Und wenn schon 1965 das Fernsehen für mediale Verdummung stand, ist es 2017 , das Jahr in dem Fluxus 65 wird, um so notwendiger, intelligentes Radio zu machen. Also am Montag, den 20.3.  18:00 Uhr Lohro hören – es gibt wieder eine Menge schräger Töne, die das Hören nicht leicht, das Denken dafür um so notwendiger macht.

Ai, Arno, Dada, Martin, Wladimir

Die erste Sendung im 101. Jahr von Dada geht all den Jubiläen nach, die dieses Jahr noch anfallen: 500 Jahre Reformation, 100 Jahre Revolution und die vergangenen Tage eine einzige Reklamation. All die Neuzugänge sind nicht zu gebrauchen: AfD, Trump, Assads Siege und Putins Heldenrolle – leider will die auch keiner zurückhaben. Wenigstens keine Mogelpackung drunter, jeder benimmt sich so, wie er aussieht. Wahrscheinlich gilt dieser Satz auch nach der Bundestagswahl. Wir werden also DaDa-Sendungen weitermachen, die eigentlich gegen alles billig gemachte sind. Und fangen bei den Worten an: Das japanische Ai, die russische intuitive Lautpoesie und die Wortschwere eines Arno Schmidt. Die schon im Klang eigentlich wieder DaDa wird, auch wenn olle Arno das niemals war. Nichtdestotrotz nehmen wir eine moderne Vertonung seiner Texte gerne in unsere Sendung auf – diese ist in ihrer Wortferne und Bruchstückhaftigkeit eine Gratwanderung zwischen Verblüffung und Verstehen – oder auch  Nichtverstehen. Mögen all seine ernsthaften Leser nachdenken – wir inszenieren hier eher das Nachfragen und Nachhören. Gepaart mit dem Schelmischen, die in jedem Ernst noch ein Spaß sehen. Eben DaDa.

DAda in der Warteschleife

Haben wir noch im Dezember darüber geklagt, dass das antikapitalistische Erbe von DaDa in unseren Sendungen und Aktionen zu kurz kommt, so hat die Lektüre der aktuellen „Zeit“ uns einen probaten Ausweg gezeigt:  Das Feuilleton ist zu der  entscheidenden Entdeckung gekommen, dass allein das Warten schon Widerstand gegen die bestehende Gesellschaftsordnung ist. Sozusagen die Erfindung des revolutionären Wartens. Indem wir nicht mehr Effizienz hochhalten, indem wir einfach darauf verzichten zu arbeiten, zu konsumieren oder wenigstens auf dieses zuwarten (die Schlange vor der Eröffnung eines Schnäppchenmarktes ist also kein revolutionäres Warten). Es geht um das Warten, was nur den Sinn hat, das die Zeit vergeht. Und genau das verlangen wir jetzt von unseren Hörern – die alle am 17.1 die erste DaDa-Sendung des Jahres 2017 hören wollten: sie müssen eine Woche warten. Wir brauchen mehr Zeit zur Vorbereitung und wir wollen der Auftakt der Arno Schmidt-Woche in Rostock sein – denn wir werden Arno Schmidt modern vertont spielen, bevor am Mittwoch Arno Schmidt in Bildern im Literaturhaus gelesen wird. Aber dazu später – jetzt erstmal sinnfreies Warten.

DaDa war 100 – ein Neuanfang

Ja, das Jahr neigt sich dem Ende zu und wir fangen wieder an. Mit neuen Plänen, neuen Akteuren und neuen Themen. Aber da zum Jahresende der Rückblick gehört, sind wir wieder bei den Vätern des DaDa – Hugo Ball, Kurt Schwitters, George Grosz und Hans Arp. Aber die Akteure sind neu, wir haben Dada aktuell aus der Generalprobe von zwei Studentinnen der HMT – Lia und Lena. Beide aus dem Mutterland des DaDa – die Schweiz und gerade vor zwei Tagen gab es die dazugehörige Uraufführung im Kempinski von Scheinheiligendamm. Die nicht die letzte sein soll – auch wir im Mutterhaus des Rostocker DaDa – die Frieda 23 – werden uns dieses Programm nicht entgehen lassen. (Der erste gute Vorsatz für 2017, weitere verheimliche ich lieber)Das ist Musik und Dada-Texte – und da gibt es noch einiges mehr. Leider vergessen und dennoch gut: Erwin Schulhoff, der Komponist, der 20 Jahre vor John Cages legendärem 4:33 die Stille als Musikform entwickelte – analog dem Nichts des Dada. Aber alles soll noch nicht verraten werden – nehmt Eure Ohren und lauscht am Montag 18:00 Uhr LOHRO, wenn es wieder heißt: DaDa sorgt für Ruhe und Orden.

DaDa Stockhausen

Wir bleiben aktuell. Während auf der Frieda Wand alte Dada-Videos die Abendstunden beleuchten und das LIWU sich dem Thema Intuition visuell nähert, kehren wir zum Altmeister der intuitiven Musik zurück: Karlheinz Stockhausen. Und nicht nur wir, am Sonntag beginnen die vier Stockhausen-Tage der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Das diese Aufführungen fast werbefrei verlaufen, ist ein Phänomen, was wir hoffentlich am Montag in unserer Sendung näher beleuchten können. Entweder braucht Stockhausen keine Werbung oder die hmt will keine Werbung dafür. Nichtdestotrotz haben wir es mitgekriegt und werden dort sein und bei Dada in Rostock unsere Eindrücke von der Eröffnung öffentlich machen. Das zu gleicher Zeit, während wir im Radio senden,  dort der Film zur Stockhausen-Oper „Licht“ läuft, ist unser Verlust – aber auch wir werden, wenn auch bestimmt nicht ganz so fundiert wie die Macher des Filmes vom WDR, über diese Oper und ihre Hintergründe reden und Teile hören lassen. Eins klappt bestimmt – genügend schräge Töne wird es geben und nicht umsonst war schon bei der Dada-Auftakt-Sendung im Februar Stockhausen zu hören. Mit einem Ausschnitt aus dem selben Werk, was Montag ab 19.30 in der hmt zu hören sein wird: „Hymnen – elektronische und konkrete Musik“

Hirsche nicht aufs Sofa

Dada in Rostock ist am Ende – in dem ja bekanntlich ein neuer Anfang steckt. Denn weg ist Merzbau und Merzsäule, die LOHRO-Dusche schweigt und das Foyer ist wieder ein Foyer und kein Kunstraum. Irgendwie zwar doch, aber eben nicht DaDa. Was bleibt ist die Sendung auf LOHRO – die letzte Bastion, von der wir das DaDa  Tertial No. 2 aus starten müssen, wollen oder wie auch immer. Ein halbes Jahr Dada in Rostock – länger haben die in Zürich auch nicht durchgehalten – dann sind die Protagonisten ausgewandert. Wir werden bleiben und intuitive und avantgardistische Musik senden, Lautpoesie suchen und verkünden und all das weitermachen, was wir noch nicht zu Ende gebracht haben. Ein Aussenden des Aussitzens, die dunkle Jahreszeit hat noch eine Menge Potential mit Licht und Film und Fassade. Jetzt steht aber Montag (denn es ist der dritte des Monats) wieder eine Sendung an und die ist mit music concrete sehr französisch, mit Noise sehr verwirrend und am Ende auch noch japanisch – mit DDR-Kontext. Der wird schon durch die DaDaEr-Clowns Weh und Meh bzw. den letztmonatlichen Themenschwerpunkt Carlfriedrich Claus hochgehalten. aber keine Nostalgie ist da im Spiel, eher die Verwunderung, das ein so dadaistisch agierender Staat wie die DDR kein Gesamtkunstwerk wurde. Hätte er aber auch nicht verdient.

Also reinhören und zuhören – auch wenn’s weh tut.